Delegation der Deutschen Wirtschaft
AHK St. Petersburg

Leningrader Gebiet setzt auf Investoren und Erfahrungen aus dem Ausland

24.09.2021

Das Leningrader Gebiet buhlt um Investoren und setzt alles daran, seine Wettbewerbsfähigkeit und den technischen Fortschritt seiner Unternehmen zu steigern. «Etwa ein Drittel aller auf dem SPIEF 2021 (St. Petersburg International Economic Forum) unterzeichneten Abkommen betraf das Leningrader Gebiet», berichtete der Gouverneur des Leningrader Gebiets, Aleksander Drosdenko, am 22. September bei der Eröffnung des Investitionsforums BRIEF’21. Die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer tritt bereits seit drei Jahren als exklusiver Partner des Forums auf. 

Die Region spornt Unternehmen dazu an, Zukunftstechnologien aktiv einzusetzen. Deswegen standen Dekarbonisierung und Robotisierung ganz oben auf der Agenda des Investitionsforum. Diese Innovationsfreundlichkeit in beiden Richtungen ist vor allem für jüngere exportorientierte Unternehmen mit Auslandskapital kennzeichnend. Unternehmen aus dem Ausland, die in die Region kommen, bringen ihr Know-how in den Bereichen Emissionsminderung und Industrie 4.0 mit. Zu den Innovationstreibern zählen oft deutsche Unternehmen. Ihre russischen Partner eignen sich im Laufe der Zusammenarbeit neue Kenntnisse und Technologien an. Solche Transformationen sind im Sinne beider Seiten. 

Weichen für grünen Übergang sind gestellt 

Die Kohlenstoffintensität der russischen Exporte ist die höchste weltweit. Solange es in Russland keine staatliche Regulierung des Kohlenstoffhandels gibt, haben es die Unternehmen nicht eilig, ihre CO2-Emissionen offenzulegen und zu reduzieren. Doch wenn die Unternehmen ihre Positionen auf dem europäischen Markt angesichts des Green Deals beibehalten möchten, müssen sie sich schon jetzt Gedanken über die Reduzierung der Treibhausgasemissionen machen. 

Die wichtigsten Wege bei der Dekarbonisierung wären deutlich effektivere Produktionsprozesse, die freiwillige Teilnahme an Ökoprojekten und der Umstieg auf erneuerbare Energien. Experten rechnen damit, dass die Windenergie zur wichtigsten Quelle werden könnte. 

"Das Potenzial des Leningrader Gebiets für die Erzeugung von Windenergie liegt bei mindestens 500 Megawatt pro Jahr. Windenergie wird zu einem vollwertigen Teil der Energiewirtschaft", sagte Igor Brysgunow, Vorstandsvorsitzender des russischen Verbands der Windindustrie (RAWI), auf dem Forum. Bis 2023 soll der erste Windpark der Region im Bezirk Wolchow gebaut werden. Die gesetzlich vorgeschriebene Kapazität wird fast 70 Megawatt betragen. Das Projekt im Wert von 7,5 Milliarden Rubel soll sich innerhalb von 7,5 Jahren amortisieren. RAWI ist nun aktiv auf der Suche nach Investoren für seine Umsetzung. 

Das HeidelbergCement-Werk in Slantsy ist seit mehr als zehn Jahren aktiv an der Reduzierung von Treibhausgasemissionen beteiligt. Und das Ergebnis ist beeindruckend. Das Unternehmen hat die Verwendung von Kohle zugunsten von Erdgas vollständig aufgegeben, Produkte mit hohem CO2-Fußabdruck aus seinem Produktionsportfolio entfernt und Mechanismen für die Verwendung von alternativen Ersatzbrennstoffen (RDF – refuse derived fuel) entwickelt. Damit sei das Werk in Slantsy unter allen Unternehmen der HeidelbergCement-Gruppe weltweit führend bei der Dekarbonisierung, so Anton Hadjiski.

Matthias Schepp, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Russland und Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, betonte in seiner Rede bei einer Plenardiskussion, dass Russland und Deutschland die gemeinsame Produktion von Wasserstoff, einschließlich des „grünen“ Wasserstoffs, starten könnten, um die Zusammenarbeit in der Energiebranche weiter auszubauen. Moderiert wurde die Diskussion vom Direktor der AHK-Filiale Nordwest, Wladimir Nikitenko.

Robotisierung: mehr Erträge und weitere Verschlankungen

Was die Verringerung des CO2-Fußabdrucks angeht, verzeichnen russische Unternehmen einige Erfolge im internationalen Vergleich. Doch in Bezug auf die Robotisierung stecken viele Unternehmen in Russland immer noch in den Kinderschuhen. Der Weltmarkt für Industrieroboter wird auf 14,6 Millionen Stück geschätzt, wobei auf Russland weniger als ein Prozent dieses Marktes entfällt. 

Die Durchdringung der Unternehmen mit Robotern liegt in Russland bei etwa vier Robotern pro 10.000 Beschäftigte, während es in Deutschland bis zu 400 Roboter pro 10.000 Arbeitsplätze sind. Das Niveau der Robotisierung in Russland hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdreifacht, aber in absoluten Zahlen ist es immer noch ziemlich niedrig. 

Dennoch gibt es Beispiele für eine erfolgreiche Robotisierung von Industrien im Leningrader Gebiet. Als eines davon führte Gouverneur Aleksander Drosdenko das Werk Nokian Tyres an – eines der produktivsten Reifenwerke der Welt. Alexander Pawlow, Leiter des Digitalisierungs- und Fernüberwachungszentrums bei OOO „Siemens Gas Turbine Technologies“, berichtete von der Implementierung von "digitalen Doppelgängern" in der Produktion. Das Unternehmen setzt diese für Russland neue Technologie bereits aktiv ein, um den Betrieb von Anlagen zu simulieren und deren Zustand in der Zukunft zu überwachen, damit Fehlfunktionen rechtzeitig erkannt werden können. 

Roboter steigern sowohl Arbeitsproduktivität als auch Erträge. Allerdings müssen die robotisierten Unternehmen fünfmal öfter als ihre Wettbewerber Verschlankungen vornehmen. Alexander Pawlow ist der Ansicht, dass wenn der Belegschaft alle Vorteile der Robotisierung bewusst gemacht wird, dann können die neuen Umstände als ein Anreiz für sie dienen, sich umzuschulen und beruflich weiterzuentwickeln. Das Leningrader Gebiet plant den weiteren Austausch von Erfahrungen und Technologien im Rahmen von Clustern. Derzeit existieren im Gebiet insgesamt fünf Cluster: Holz- und Metallverarbeitung, Chemieindustrie, saubere Technologien für die städtische Umwelt und für erneuerbare Energiequellen. Ihre Vertreter nahmen an der Geschäftskontaktbörse bei dem Forum teil.